MVZ

Medizinische Versorgungzentren


Vom Gesetzgeber wurden 2004 Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zur ambulanten Krankenversorgung eingeführt. Beliebig viele zugelassene Ärzte arbeiten fachübergreifend in einem MVZ im Angestelltenverhältnis. MVZs müssen unter ärztlicher Leitung stehen, als Geldgeber können aber auch Nichtärzte auftreten. Der Patient geht keinen direkten Dienstvertrag mit dem Behandler, sondern mit dem MVZ ein. Er hat also keinen Anspruch auf freie Arztwahl. Nach Angaben der Bundesregierung waren Ende 2009 bundesweit über 1200 MVZs in Betrieb.
Kritiker der MVZ befürchten, dass die freie Arztwahl und die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen insbesondere in von Krankenhauskonzernen betriebenen MVZ gefährdet sind. Auch das Ziel durch die Konzentration verschiedener Disziplinen und die sogenannte integrierte Versorgung Kosten zu sparen, könnte sich als Trugschluss herausstellen. In der Ärztezeitung "Der Kassenarzt" äußert sich z.B. der saarländische Ärztekammerpräsident Dr. med. Franz Gadomski kritisch: "Allerdings besteht die große Gefahr, dass der Patient mit seiner Fragestellung vorn im MVZ eingeschleust wird und erst, nachdem ihn jeder MVZ-Arzt gesehen hat, wieder herausgelassen wird". Von Kostenersparnis könne keine Rede sein. ("Der Kassenarzt", 20.10.2006). Auch der Skandal um das Atriomed MVZ in Berlin, in dem 16 Fachärzte aus verschiedenen Gebieten praktiziert haben, scheint die Zweifler zu bestätigen. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hatte 2009 bei Atriomed Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung festgestellt. Offenbar wurde mit falschen Arztnummern abgerechnet ("Der Tagesspiegel Berlin" vom 05.12.2009).
In Marburg und Gießen ist durch den bundesweit ersten Verkauf eines Uniklinikums an die Rhön Aktiengesellschaft eine besondere Situation entstanden: Ökonomische Gesichtspunkte in der Patientenversorgung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Von "Cash-cows" (lukrative Patienten) und dem "Flussprinzip" (schematische, automatisierte Behandlungsprozeduren) ist die Rede. Patienten, Mitarbeiter, Betriebsrat und niedergelassenen Ärzte beklagen einen Verschlechterung der Versorgungsqualität und eine dramatische Verdichtung der Arbeitsbelastung auf Seiten der Mitarbeiter. Ihren Aktionären verspricht die Rhön AG ein kräftiges Umsatzplus und satte Renditen. Wolfgang Pföhler, der Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG äußerte sich dazu in seiner Rede zur Hauptversammlung am 9. Juni 2010 in Frankfurt am Main:
"….Schon heute macht die Gesundheitsbranche mehr als 10 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts von über 2.400 Milliarden Euro aus. .… Wenn wir dieses Potenzial heben könnten, wird der Anteil nach Expertenmeinungen sogar auf 20 Prozent klettern…"

Die notwendigen Leistungen zur Gewinnmaximierung können aber im stationären Bereich in Zukunft nicht in dem Maße erbracht werden, wie von der Rhön-Geschäftsführung und den Aktionären gefordert. Herr Pföhler kommt daher u.a. zu dem Schluss:

"….Wir müssen wegkommen von Doppelstrukturen in der Versorgung. Die Richtung muss ganz klar heißen: sektorübergreifende Zusammenarbeit ambulant-stationär. Die Medizinischen Versorgungszentren werden künftig in der wohnortnahen Gesundheitsversorgung eine noch stärkere Rolle spielen.…"

Die Rhön AG besitzt aktuell bundesweit 53 Kliniken und 29 Medizinische Versorgungszentren. Für die Region Marburg plant die Rhön AG weitere MVZ, wie auf der Homepage der Uniklinik Gießen und Marburg beschrieben wird:

"Kliniken der Grund- und Regelversorgung und MVZ sind künftig als eine gemeinsame medizinische Einheit zu sehen. …. Der gemeinsame Leistungs- und Gewinnpool stärkt die Zusammenarbeit von ambulantem und stationärem Sektor - zum Vorteil der Patienten und Ärzte."

Vergessen wurde an dieser Stelle die Ergänzung "zum Vorteil der Aktionäre". Denn mit der Gründung von MVZ sieht die Rhön AG in Marburg und Gießen in erster Linie die Möglichkeit, ihren Gewinn zu maximieren. Die Argumente, man könne mit Konzern-MVZ Kosten sparen und die Versorgung verbessern, sind scheinheilig:
1. Marburg hat gut spezialisierte und ausgebildete niedergelassene Fachärzte und benötigt keine konzerneigenen MVZ zur Absicherung der medizinischen Versorgung, anders als z.B. strukturschwache Regionen.
2. Mit der integrierten Versorgung sinken nicht zwingend die Kosten. Das Risiko von Doppeluntersuchungen steigt sogar, wenn der Patient dauernd mit anderen Ärzten zu tun hat, die ihn nicht kennen und daher immer wieder von Neuem bereits erfolgte Untersuchungen wiederholen.
3. Eine Kontrolle der ambulant-stationären Schnittstelle ist ohne unabhängige Ärzte nicht realisierbar.
4. Die in den MVZ angestellten Ärzte arbeiten für den Gesamtkonzern, der auch das Uniklinikum betreibt und stehen über Zielvereinbarungen unter hohem "Gewinndruck". Die Verlockung ist groß, bei einem Patienten zunächst das ambulante Budget voll auszuschöpfen und ihn dann zur weiteren Behandlung in die Klinik zu überweisen, wo erneut ein Budget zur Verfügung steht. Die anschließende ambulante Weiterbehandlung könnte dann als neuer Fall mit einem neuen Budget wieder im MVZ erfolgen, usw. ("Ping-Pong-Effekt"). Nicht umsonst werden im Rhön-internen Jargon MVZ im Innenstadtbereich als "Saugrüssel" für das Klinikum bezeichnet.

NotRuf113 sieht angesichts der Entwicklung und Gewinnzuwachsversprechungen das Risiko, dass mit der Zunahme von klinikeigenen MVZ eine weitere Monopolisierung der Gesundheitsversorgung in der hiesigen Region stattfindet. Diese Entwicklung wird unserer Ansicht nach verheerende finanzielle Folgen für unsere Sozialversicherung haben.